Wenn Mythen und Biologie dieselbe Sprache sprechen
Manche Dinge klingen viel mystischer, als sie tatsächlich sind
„Schamanismus“ zum Beispiel: Für die einen Hokuspokus, für die anderen eine naturverbundene Heilpraxis. So unterschiedlich diese Zuschreibungen wirken, arbeiten viele dieser Ansätze mit denselben Grundelementen wie moderne Psychotherapie: mit inneren Bildern, Rhythmus, fokussierter Aufmerksamkeit und der Regulation des Nervensystems.
Vieles, was wir vorschnell als „mythisch“ abtun - und uns damit unnötig vor wirksamen Zugängen verschließen -, lässt sich in seiner Wirkung nüchtern neurobiologisch erklären. Dabei zeigt sich: Das Mystische ist auch im Wissenschaftlichen präsent.
Projektion: Der innere Kurzfilm läuft schneller als das Bewusstsein.
Ein zentrales, wissenschaftlich gut belegtes, in seinem genauen Ablauf jedoch nicht vollständig erklärtes Phänomen ist die Projektion. Unser Gehirn benötigt im Durchschnitt weniger als eine Sekunde - etwa 0,7 Sekunden -, um frühere Erfahrungen über eine neue Situation zu legen. Wie ein automatischer Filter.
Noch bevor wir bewusst einordnen können, startet ein biografischer Kurzfilm: Der Chef wird zum kontrollierenden Vater, die Nachbarin zur ewigen Kritikerin, der Partner zur Bedrohung - lange bevor ein Wort gefallen ist.
Hinzu kommt die Gegenprojektion: Gefühle, die beim Gegenüber aktiviert sind, werden unbewusst „übertragen“. Ein Mensch kommt mit Angst in den Raum - und plötzlich fühlt sie sich an, als wäre sie die eigene. Manchmal erleben wir sogar körperlich, wie sich eine Dynamik anfühlt, die der andere aus vertrauten Beziehungsmustern kennt.
Diese Prozesse laufen parallel, hochkomplex und extrem schnell ab. Alles gleichzeitig.
Vor diesem Hintergrund wäre es wenig sachlich, so zu tun, als ließe sich die reine Sachebene ohne Beachtung dieser permanent aktiven Automatismen stabil halten. Es ist keine Magie, sondern ein Nervensystem, das in Millisekunden versucht, Schutz herzustellen. Doch genau diese Autopilot-Reaktionen katapultieren uns unmittelbar auf die Beziehungsebene - und lassen die Sachebene an Kontur verlieren.
Alltagssituationen fühlen sich deshalb manchmal so bedrohlich an, weil sie es früher tatsächlich waren. Das erwachsene Nervensystem muss erst lernen, dass die Szene heute eine andere ist.
Wenn das Mystische neurologisch wird
Ein ehemaliger Kollege aus der Verhaltenstherapie - erklärtermaßen rational geprägt - geht mit dem Begriff „Schamanismus“ erstaunlich flexibel um. Je nach Glaubenssystem seiner Klientinnen und Klienten verwendet oder vermeidet er ihn gezielt. Und das durchaus erfolgreich.
Offiziell nennt er seine Arbeit lieber systematic neural reprocessing. Das klingt wie ein Software-Update fürs Gehirn - und beschreibt den Kern erstaunlich treffend.
Ob wir trommeln, sprechen, atmen oder visualisieren, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist, dass neuronale Muster neu organisiert werden. Das Nervensystem stellt im Grunde nur zwei Fragen: Fühlt sich das sicher an? Kann ich den Alarm wirklich herunterfahren?
Und weiter: Kann ich mir selbst zu glauben beginnen, dass ich es schaffen kann - weil ich es erlebt habe? Weil ich erlebt habe, wie mein Herzschlag im Angesicht eines Triggers langsamer wird, wie mein Atem wieder fließt, obwohl es mir eiskalt den Rücken hinunterläuft. Weil ich wahrnehme, dass ich nicht in den Kleinkindmodus verfalle, obwohl wertende Blicke im Raum sind.
Der „Fluch“ im Kopf
Wie wirksam Glaube sein kann, zeigte mir ein Fall dieses Kollegen. Eine Frau Anfang 40, zwei Kinder, anhaltender familiärer Konflikt. Dann ein Anruf der Schwägerin : „Ich habe dich verfluchen lassen.“
Objektiv betrachtet absurd. Subjektiv jedoch hochwirksam. Kurz darauf brechen Schlüssel ab, Zimmerpflanzen gehen ein, der Körper schaltet noch stärker als zuvor in Daueranspannung. Eine innere Geschichte beginnt Form anzunehmen: Was, wenn da doch etwas ist?
Aus schematherapeutischer Perspektive übernimmt das verletzte Kind die Führung, der Gefährdungsmodus springt an. Die Welt wird bedrohlich - obwohl objektiv nichts passiert ist, außer einem aggressiven Anruf. Ob die Pflanzen auf die neuronale Daueranspannung „reagierten“ oder schlicht übergossen wurden, bleibt offen. Relevant ist etwas anderes: Das Nervensystem hatte den Boden verloren.
"Ritual“ oder Therapie?
Die sogenannte „Entfluchung“ bestand letztlich aus einer präzise geführten hypnotherapeutischen Sitzung. Keine Federn, kein Rauch. Stattdessen ein gezielter Zugriff auf Sicherheits- und Beruhigungssysteme.
Der Kollege erzählte, er habe Erfahrung mit Gegenflüchen - angeblich im Amazonas erlernt. Das stimmte nicht. Was stimmte, war
die Wirkung des neuen Narrativs:
Ich kann mir vertrauen. Ich habe Einfluss.
Mit dieser Erfahrung veränderte sich ihr Körper. Der Fluch löste sich nicht magisch auf - er verlor seine Wirkung, weil das Nervensystem wieder Sicherheit fand.
Sollte es tatsächlich magische Flüche geben, hätte diese Sitzung vermutlich eine ähnliche Wirkungsdauer gezeigt wie jede psychosomatische Intervention ohne Veränderung der Lebensumstände. In diesem Fall jedoch kehrten die Symptome nicht zurück. Die Frau setzte erstmals klare Grenzen und ließ keinen weiteren Kontakt zur Schwägerin zu - trotz sozialer Erwartungen. Genug war genug.
Schlussgedanke
Glauben - ob an Flüche, Therapie oder die eigene Fähigkeit zur Veränderung - ist kein esoterisches Werkzeug. Er ist Neurobiologie mit poetischer Benutzeroberfläche.
Und jede Geschichte, der wir glauben, wird zur Welt, in der wir tatsächlich leben.
Sie sollte daher mit Sorgfalt gestaltet sein. Und, wenn möglich, mit Liebe.

