Burnout vorbeugen? Oder lieber verstehen, wie Erholung tatsächlich funktioniert
Es wird viel über Burnout-Prävention gesprochen. In psychotherapeutischen Praxen hängen entsprechende Poster oft direkt neben dem Wartezimmer – als ob Erschöpfung mit Atemübungen dauerhaft vermieden werden könnte.
Natürlich kann innere Arbeit helfen!
Das Erlernen, starre Grundüberzeugungen wie „Ich muss perfekt sein“ durch realistischere Selbsteinschätzungen zu ersetzen, hat einen messbaren und nachhaltigen Effekt auf die Stressreduktion.
Das Konzept der Burnout-Prävention enthält jedoch einen grundlegenden Trugschluss: Um ein „Ausbrennen“ zu verhindern, müsste man ständig neues Brennmaterial hinzufügen. Auf lange Sicht ist dies weder möglich noch gesund. Vielleicht geht es weniger darum, niemals auszubrennen, sondern vielmehr darum, Phasen der Erschöpfung in den Alltag zu integrieren – ohne Angst oder Scham.
Aus meiner Sicht ist es hilfreicher, sich wieder mit seiner inneren Energie zu verbinden und zu lernen, wie man sich selbst wieder beleben kann, wenn die Energie auf natürliche Weise wieder verfügbar ist. Nicht jedes Erlöschen ist ein Problem. Es wird nur dann zum Problem, wenn wir glauben, dass wir jederzeit funktionieren müssen.
Nicht jede Erschöpfung resultiert aus übermäßigen Anforderungen. Die Symptome von Boreout – Unterforderung, Sinnverlust, innere Leere – ähneln oft stark denen von Burnout. Weniger entscheidend ist dabei die Menge der Anstrengung, sondern vielmehr das empfundene Gefühl von Sinnhaftigkeit.
Menschen kommen wieder auf die Beine, wenn Belastung und Erholung in einem funktionalen Wechselspiel stehen: anspruchsvolle Phasen, die mit Sinn erfüllt sind, gefolgt von echter Regeneration. Selbst unangenehmer Stress ist nicht von Natur aus schädlich. Im Gegenteil: Wachstum durch Herausforderungen zu erleben, erhöht langfristig die Widerstandsfähigkeit.
Flackern erlaubt – Warum unser inneres Feuer Pflege braucht
Wir dürfen auch mal schwächere Phasen haben. Unser inneres Feuer muss nicht immer hell lodern – das sollte es sogar nicht. Als Psychologin und Feuerkünstlerin hat mich schon immer fasziniert, wie fürsorglich im Zusammenhang mit Feuer mit Ressourcen umgegangen wird.
Neue Feuerwerkzeuge werden nicht sofort voll belastet. Sie werden mehrmals kurz angezündet, bevor eine längere Brenndauer erfolgt. Idealerweise wird ein Fackelkopf gelöscht, bevor er vollständig ausgebrannt ist – um das Material zu schonen.
Mit uns selbst sind wir sind oft viel weniger fürsorglich.
Burnout zu vermeiden bedeutet nicht, niemals über unsere Grenzen hinauszugehen. Es bedeutet, Warnsignale wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen und darauf zu reagieren. Eine Art Materialwissenschaft des Selbst – und ihre konsequente Anwendung im Alltag.
Der innere Funke: Bedeutung schlägt Ruhe
Das Ziel ist es nicht, ständig Höchstleistungen zu erbringen. Pausen allein reichen oft nicht aus, um sich von einem burnoutähnlichen Zustand zu erholen.
Erschöpfung entsteht in der Regel nicht in erster Linie durch die Arbeit selbst, sondern durch Arbeit ohne Sinn. Deshalb ist es so wichtig, sich wieder auf seine innere Leidenschaft zu besinnen: Wofür brenne ich – und warum?
Diese Frage ist im Alltag nicht immer leicht zu beantworten. Aber sie ist von grundlegender Bedeutung. Permanente Leistungsfähigkeit wäre für Arbeitgeber äußerst praktisch – aber Menschen sind keine Maschinen.
Manchmal reicht schon ein kleiner Funke. Wenn die innere Glut ruhig ist, braucht sie keine kurze Pause, sondern Fürsorge, Geduld und Bedeutung.
Und manchmal ist Burnout-Prävention ganz einfach: Man muss nur lernen, Nein zu sagen. Wer in intensiven Arbeitsphasen mehr gibt, braucht danach mehr Erholung. Grenzen zu überschreiten ist möglich – dauerhaft über sie hinauszuleben jedoch nicht.
Motivation, Dauer und die falsche Angst vor Pausen
Mehr zu leisten, als wir uns zunächst zutrauen, kann bereichernd sein – sowohl im Sport als auch im Beruf. Ob dies zu Erfüllung oder Erschöpfung führt, hängt hauptsächlich von zwei Faktoren ab:
die Dauer der Belastung
die Motivation dahinter
Gehen wir über unsere Grenzen hinaus aus innerer Motivation, Leidenschaft und Sinnhaftigkeit? Oder aus Angst vor Ablehnung, Schuldgefühlen oder dem, was uns einholen könnte, wenn wir stillstehen?
Burnout ist keine eigenständige Diagnose, sondern wird als Zusatzdiagnose gestellt, beispielsweise im Zusammenhang mit Anpassungsstörungen oder depressiven Erkrankungen. Weniger wichtig ist dabei die Bezeichnung, vielmehr das zugrunde liegende Muster.
Die absurde Jagd nach konstanter Energie
Es beginnt oft harmlos – fast lächerlich. Wir stehen da, fühlen uns innerlich leer und versuchen verzweifelt, mit dem letzten Funken, der uns noch bleibt, weiterzumachen.
Anstatt uns zu fragen, wo unser Glanz geblieben ist, erhöhen wir den Druck. Regeneration wird als Luxus verkauft. Als Belohnung. Als etwas, das man sich verdienen muss.
Doch Regeneration ist kein Luxus.
Regeneration ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung
Leistung entsteht nicht durch ständige Aktivierung, sondern durch das Zusammenspiel von Belastung und Erholung. Regeneration ist ein zyklischer Prozess – ohne ihn bleibt kein System langfristig stabil.
Chronische Überaktivierung führt nicht zu Resilienz, sondern zu Erschöpfung. Was gesellschaftlich oft als „Resilienz“ idealisiert wird, ist aus neurobiologischer Sicht häufig ein Zustand anhaltender Stressanpassung: erhöhte Cortisolwerte, beeinträchtigte Emotionsregulation und verminderte kognitive Flexibilität.
Löschen als Schutzmechanismus
Phasen subjektiver Leere, Rückzug oder emotionaler Abstumpfung sind nicht automatisch pathologisch. Sie können als adaptive Schutzreaktionen verstanden werden.
Der Organismus schaltet sich ab, wenn die Ressourcen erschöpft sind. Dieses Abschalten ist biologisch sinnvoll – es ermöglicht Reparatur, Reorganisation und Neubewertung.
Wenn Selbstwertgefühl an Leistung geknüpft ist
Kernannahmen wie „Ich bin nur wertvoll, wenn ich funktioniere“ oder „Schwäche ist gefährlich“ entwickeln sich oft schon früh und werden später im Leben selten hinterfragt. Aus psychologischer Sicht stellen leistungsbasierte Selbstwertmodelle einen zentralen Vulnerabilitätsfaktor dar: Sie lassen keine Regeneration zu, da Pausen als Bedrohung für das Selbstkonzept empfunden werden.
Wieder aufstehen bedeutet Neukalibrierung
„Wieder aufstehen“ bedeutet nicht, zu den alten Verhaltensmustern zurückzukehren.
Es ist ein Prozess der neuronalen und psychophysiologischen Neukalibrierung.
Stressverarbeitung, autonome Reaktionen und Selbstwahrnehmung werden neu justiert. Was einst einen inneren Alarm auslöste, kann nun gelassener interpretiert werden. Handlungen, die einst unmöglich schienen, werden nach und nach mit größerer Leichtigkeit wieder versucht.
Das Ziel ist nicht die Rückkehr zur früheren „Stärke“, sondern eine freundlichere, klügere Beziehung zu sich selbst. Sich wieder aufzurichten bedeutet, aus Mustern der Selbstüberlastung zu lernen, Energie bewusster einzusetzen und nicht mehr gegen die eigenen Grenzen anzukämpfen – smarter arbeiten, nicht härter.
Authentische Vitalität statt ständiger Leistungsdruck
Wiederbelebung entsteht nicht allein durch Disziplin, sondern durch Kongruenz. Wenn innere Zustände und äußere Anforderungen wieder in Einklang gebracht werden, kehren Motivation, Verhaltensflexibilität und emotionale Resonanz zurück.
Das Ziel ist nicht Höchstleistung um jeden Preis, sondern Vitalität.
Bedeutung als stärkster Schutzfaktor
Psychologische Forschungen zeigen eindeutig, dass das Erleben von Sinnhaftigkeit einer der stabilsten Schutzfaktoren gegen Erschöpfung ist.
Es ist nicht die Intensität, die schützt – sondern die Bedeutung.
Der Mensch als zyklisches System
Gesundheit basiert nicht auf einer linearen Steigerung, sondern auf rhythmischer Selbstregulierung. Belastung, Erschöpfung, Rückzug und Regeneration bilden einen funktionellen Zyklus.
Der Mensch ist kein fehlerhaftes System, das ständig optimiert werden muss. Er ist ein dynamisches, anpassungsfähiges System.
Flackern, Leuchten, Erlöschen und Wiederentzünden sind keine Störungen.
Sie sind Ausdruck funktionierender Vitalität.

